Sven Späters Wortgrotte
 
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Speed Love (Humor)
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So, jetzt ist es gleich soweit. Rasch im Spiegel das Aussehen überprüfen, will ja einen guten Eindruck machen. Die ersten Sekunden entscheiden, sagt man. Da darf nichts dem Zufall überlassen werden. Klar, ich weiß, dass ich knapp an der Perfektion vorbeigestürmt bin, aber ein letztes Prüfen kann nicht schaden.

In der Toilette ist es hell und sauber. Erstaunlich für eine Kneipe, aber manche Wirte achten eben darauf, wie es bei ihnen aussieht. Löblich, löblich. Nicht einmal die Spiegel sind verschmiert. Ich sehe in das Angesicht eines typischen Aufreißers. Schwarze Haare, Seitenscheitel links. Sie sind weder zu lang, noch zu kurz. Einfach nur meinem Typ entsprechend frisiert und geschnitten. Mit den Fingerspitzen fahre ich einmal kurz durch, damit es ein wenig frecher wirkt. Will ja nicht aussehen als sei ich ein Muttersöhnchen.

Mein Kinn ist glatt rasiert, so wie der Rest des Körpers. Frauen mögen keine Affen mit Fell. Man muss schon etwas auf sich achten, um bei denen landen zu können.

Stahlblaue Augen und ein Lächeln, das Herzen schmelzen lässt. Ja, so wird man mir wohl nur sehr schwer widerstehen können. Mich als göttlich zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben. Etwas, wohlgemerkt.

Auch Krawatte und Hemd sitzen, wie sie sitzen sollen. Heute zeige ich das Modell „erfolgreicher Jungunternehmer“. Das sollte wohl genügen, die eine oder andere einsame Schnecke zu einem weiteren Treffen nach der Speed-Dating-Veranstaltung zu überreden. Vielleicht für jeden Tag eine, dann wäre die Woche gerettet.

Jetzt aber rasch, es fängt gleich an und sie werden nicht auf mich warten, auch wenn es wohl angebracht wäre.

Ich begebe mich in den Veranstaltungsraum, in dem die Frauen und meine jämmerlichen Konkurrenten warten. Nun, als Konkurrenz würde ich die Mitleid erregenden Langweiler nicht bezeichnen. Sie sind nur ein gewisser Rahmen für mich, dass ich noch mehr glänzen kann. Ich hätte es nicht nötig, weiß Gott nicht. Doch ein wenig mehr Rampenlicht bringt meine Eleganz stärker zum Vorschein.

Auf meiner Karte steht die Tischnummer, an der ich beginne. Danach geht es immer einen Tisch weiter, sobald das Signal erklingt. Viel Zeit bleibt nicht für ausführliche Konversation. Macht nichts, es gibt wenig zu sagen, wenn man weiß, dass die übrige Welt im Vergleich zu meiner Person über einen minderwertigen Intellekt verfügt.

Ok. Die Trillerpfeife. Das Zeichen, mit dem Spiel zu beginnen.

An Tisch fünf sitzt mir eine junge Frau mit Brille gegenüber. Sie ist ganz nett anzusehen und macht auf mich den Eindruck als sei sie schüchtern. Die typische graue Maus, für diesen einen Abend herausgeputzt. Sie wird sogar rot. Meine Güte. Näher als jetzt wird sie an einen Typen meines Schlages nie herankommen. Da sollte sie ihre Chance nutzen, statt den Blick zu senken.

Mädchen, Mädchen. Das ist ja frustrierend.

„Ähm ... hallo ... ich ... äh ...“

Ach, du Schande. Die bekommt ja nicht einmal den einfachsten Satz zusammen. Kein Wunder bei diesem unscheinbaren Aussehen. Viel her macht sie nicht. Wenn überhaupt, dann wäre die höchstens für den Montag gut. Am Anfang der Woche bin ich nicht wählerisch, ist nur zum warm werden.

Jetzt lächelt die auch noch und hat etwas zwischen den Zähnen hängen. Pfui Teufel. Kann man denn nicht nochmal in den Spiegel schauen, bevor es losgeht? Ich zeige ihr meine Abneigung nicht, bleibe aber ebenfalls stumm. Warum sollte ich beginnen? Immerhin ist es für sie eine Ehre, dass ich hier sitze. Musst dich mal ins Zeug legen, Mädchen. Du bist so langweilig wie dein blassgelbes Oberteil. Ohne Ausschnitt. So ein Blödsinn. Bei solchen Veranstaltungen präsentiert man sich doch und läuft nicht durch die Gegend als sei man gerade dabei, den Müll rauszubringen.

„Hallo ... hihi ... ich bin ... also ... Karin und so.“

Erlöst mich von dieser Schnepfe. Los, komm schon, puste in deine Trillerpfeife. Das kann man ja nicht aushalten, dieses Gelaber. Wenn man nichts zu sagen hat, wird einfach dämlich gekichert. Herrgott, ist die bescheuert. Nein, nicht mal montags könnte ich sie aushalten.

Gut, meine erste Begegnung ist also ein totaler Flop. Dann ist die untere Grenze schon gleich am Anfang abgesteckt und ab jetzt geht es nur noch aufwärts.

Endlich. Die eine Pfeife aus Plastik erlöst mich von dieser Pfeife aus Mensch.

Mit einem Zwinkern rücke ich einen Tisch weiter. Sie sieht mir nach und wird sich wohl an diesem kleinen Zwinkern einige Tage aufgeilen. Mehr gibt es nicht und ich fürchte, mehr wird sie auch niemals von irgendeinem bekommen. Klar, von einem Deppen, der sonst keine findet, aber gewiss nicht von einem sexy Mr. Perfect.

Zweiter Versuch. Na also, das sieht doch schon besser aus. Sie trägt eine elegante Bluse mit tiefem Ausschnitt. Blonde Haare, super Gesicht und nicht zuviel Schminke. Diese Frau weiß, was Männer anmacht. Über dreißig dürfte sie sein, ein wenig zu alt für mich. Egal, mit Mitte zwanzig kann ich mir alles aussuchen und wenn es denn eben eine alte, erfahrene Gespielin sein muss, dann ist es eben so. Soll ja keine Beziehung daraus werden. Nur für den Spaß, zur Ablenkung. Familienplanung kann mir gestohlen bleiben, das ist ja danach kein Leben mehr. Ich will meine Jugend genießen, sie voll auskosten.

Ihr Lächeln ist offen und würde mich verzaubern, wäre ich nicht so abgebrüht. Trotzdem spiele ich mit. Deswegen bin ich ja hier, zum spielen.

„Aha, bei der Bank beschäftigt?“

Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich sollte sie mich ja als Geschäftsmann mit Macht und Geld einschätzen. An meinem Auftreten konnte es nicht liegen. Sie war wohl etwas einfach gestrickt und tölpelhaft. Dafür sah sie scharf aus. Man musste eben gewisse Abstriche machen. Ohnehin wäre kaum jemand in der Lage, mich geistig zu fordern. Eine Frau schon zweimal nicht. Die hatten anderes im Kopf, aber nichts Bedeutendes.

„Ich? Nein, nein. Äh ... ich bin ... Dings ...“

Verfluchter Mist, ein Kloß im Hals. Es liegt nicht an mir, ihr Parfüm ist viel zu aufdringlich und zu süß. Da wird einem ja schlecht. Kein Wunder, dass ich anfange zu stottern.

„Ein Dings?“, fragt sie und lacht kurz. „Aha, also ein richtiges Dings, sieh mal an.“

Röte steigt mir in die Wangen. Blöde Hitze hier drinnen, die hätten ruhig ein Fenster aufmachen können. Wenn es in einem Raum zu warm ist, werde ich immer leicht rot. Ansonsten würde ich ja selbst Sahara-Temperaturen aushalten, keine große Sache. Ich kann meinen Körper auf alle Gegebenheiten einstellen. In dieser Kneipe ist die Luft abgestanden, da habe ich keine Möglichkeit, mich richtig darauf einzustellen. Hoffentlich deutet sie das jetzt nicht falsch.

Sie zwinkert mir zu und sagt nichts mehr. Ich würde gerne reden, kann es aber nicht. Irgendwie hat sich meine Krawatte selbständig gemacht und ist von ganz allein enger geworden. Deswegen auch die feinen Schweißperlen auf meiner Stirn. Aufregung ist für mich ein Fremdwort, ich bin immer voll dabei. Immer.

Trillerpfeife. Tischwechsel. Ein Gruftie. Mist.

Ihre Haare trägt sie auf Kinnlänge, Lippen schwarz geschminkt. Welche normale Frau schminkt sich die Lippen schwarz? Diese Friedhofsfanatiker. Allesamt wahnsinnig und vor allen Dingen nicht sonderlich gescheit. Sie schaut mich herablassend an, verdreht die Augen und stöhnt auf. Dann sagt sie etwas: „Hör mal, ich hab auf solche öden Nieten wie dich keinen Bock. Also lassen wir das Gerede und warten einfach, bis der Wechsel kommt, ok?“

Ich nicke. Etwas zu schnell und zu heftig. Kein Wunder, hier drinnen ist aber auch eine Luft. Für sie hat es bestimmt den Anschein als hätte ich Angst vor ihr. So ein Blödsinn. Angst. Ich habe das Wort mal gelesen. Klar hätte ich etwas darauf erwidern können, doch mir fehlte die Lust dazu. Mit diesen Leuten unterhalte ich mich nicht, das wäre Verschwendung.

Die Zeit steht still, mir wird die Sache allmählich unangenehm. Nicht peinlich. Ich kenne keine Peinlichkeiten. Sie schaut an mir vorbei, betrachtet ihre schwarz lackierten Nägel, dreht ihren Kopf hierhin, dorthin, nur um mir nicht ins Gesicht blicken zu müssen. Arrogantes Miststück.

Doch ich bleibe cool. Ja, ich bin immer cool. Niemand kann mir was, die Trauerlady schon gar nicht.

Trillerpfeife. Einen Tisch weiter.

Meine Krawatte sitzt ein wenig schief, das ist nicht gut, stört die Perfektion. Ich richte das Teil und ...

„Karsten? Ich glaub, ich dreh durch. Der Karsten!“

... mich trifft fast der Schlag. Diese schrille Stimme kenne ich gut. Viel zu gut für meinen Geschmack. Meine Augen schauen zur Frau auf der anderen Tischseite. Hageres Gesicht mit spitzem Kinn, ein viel zu breiter Mund und dieser verschlagene Blick. Kein Zweifel. Lea. Lea Kaiser sitzt mir gegenüber und ihr Grinsen droht das längliche Gesicht in zwei Hälften zu teilen. Die „laute Lea“, die mir schon damals in der Berufsschule auf die Nerven gegangen war. Die „laute Lea“, die einfach nicht wusste, wann es an der Zeit war, die Klappe zu halten. Die „laute Lea“, die mich mit ihrem Geplapper zum Gespött der ganzen Schule gemacht hatte.

Ich möchte etwas sagen, kann es nicht. Raum sondieren. Alle Plätze besetzt. Da muss ich jetzt durch, ob ich will oder nicht. Hoffentlich fängt sie nicht von früher an.

„Kennst du mich noch? Lea. Ich werd nicht mehr. Arbeitest du noch immer als Verkäufer in diesem popeligen Supermarkt?“

Das will nun wirklich keiner wissen. Wie immer ist sie viel zu laut, nichts hat sich verändert. Sie hat nie verstanden, warum man nicht so laut reden sollte. Einige Köpfe drehen sich flüchtig in unsere Richtung. Die Frau am Nebentisch kann ich jetzt vergessen, wenn der Wechsel kommt. Die weiß nun, dass ich kein erfolgreicher Jungmanager bin. Dabei ist sie genau meine Kragenweite. Verdammt.

„Der Karsten“, lacht Lea. „Das waren Zeiten. Ich weiß noch, wie du mitten im Unterricht geniest und dir dabei in die Hose gemacht hast.“

Es ist so schrecklich heiß hier drinnen. Gerötete Wangen, Schweiß auf der Stirn, der mir in die Augen läuft. Männer und Frauen, die Leas Kreischen gehört haben, kichern und betrachten mich. Ich habe die Krawatte viel zu eng gebunden, da fällt einem ja das Atmen schwer.

„Wie ich sehe hast du auch noch dieses Problem mit deinem ständigen Schwitzen. Mensch, du hast damals vielleicht gestunken. Musst mal was dagegen unternehmen.“

Die Frau am Nachbartisch verzieht ihren Mund. Anzeichen des Ekels. Ekel vor mir, vor einem Mann, den sie so schnell nicht wiederfinden kann. Sie sollte nicht auf Leas Geplapper hören. Niemand sollte das. Aber fast alle tun es.

„Und wie ist es mit deinem Fußpilz? Auch noch da?“

„Ich ... äh ... muss los. Hab noch wichtige Termine. War schön, dich mal wieder getroffen zu haben“, lüge ich und stehe auf.

Nein, diese Hitze. Das ist nicht gut für meinen Teint. Ich stürme aus dem Saal, interessiere mich nicht dafür, was mir Lea noch nachruft. Nur weg von hier. Diese Veranstaltung ist sowieso ein Flop. Das nächste Mal suche ich mir etwas, das nicht mitten in der Stadt stattfindet. Außerdem brauche ich das nicht. Mir laufen die Frauen reihenweise nach.

Außerdem gibt es immer noch das Internet. Da kann man solche Nervensägen wie Lea einfach ignorieren. Dort können sie nicht laut sein. Und wenn doch, wechsele ich einfach den Chat.

Vielleicht sollte ich mir die Haare färben. Ein anderer Schnitt könnte auch nicht schaden. Und ich habe noch nie einen Bart getragen. Wäre eine Erfahrung wert.

Nicht, dass ich vorhabe, mich vor etwas zu verstecken. Ich will nur mein Aussehen ein wenig verändern. Dann erkennen mich die Leas dieser Welt auch nicht mehr so schnell.

Selbst vor der Tür kann ich es noch hören.

Trillerpfeife. Platzwechsel.

Nicht für mich.


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